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Biel-Luxemburg

[Christof] "Irgendwann musst Du nach Biel", ist der Werner Sonntag'sche Geistesblitz, der gefühlt das Rückgrat eines jeden Berichts bildet, der sich über die "Nacht der Nächte" - wer hat das noch gleich gesagt? - auslässt. Und davon gibt es viele, was mich sehr freut, insofern ich auf die anstrengende Geographie/Geologie-Recherche mit bestem Gewissen verzichten kann. Der 100er von Biel ist eine Instanz, selbst in den Kreisen der Läufer, die schon bspw. das Atacama Crossing abgehakt haben, gell, Marco? Die Begegnung mit Biel ist dann für uns auch so verlaufen. Selbst im korrektesten und funktionalsten Bahnsystem des Planeten, der SBB, kann der Nimbus "Biel-Läufer" dazu beitragen, dass man in der 1. Klasse ein 2. Klasse Ticket nachlösen kann, obwohl das jeden Normalsterblichen 90 Franken Buße kosten würde, einen Zugverweis oder Schlimmeres. Und ich durfte in der 1. Klasse damit sitzen bleiben, obwohl diese beiden - hier anonym besprochenen - Bahnbediensteten nur 20 Minuten darüber verhandelt haben. So auch in Biel dann ein schöner Empfang. Der Rennsteig-Veteran am Werbestand freut sich über mein Rennsteig-Finisher-Shirt. Wir Verehrer des Sporternährungs-Exoten "Schleim mit Heidelbeer-Geschmack" sind gerne Rennsteig-Botschafter bei allen Ultras diese Welt. Die Thüringer Haferschleim-Komposition ist definitiv eine Liebe auf den zweiten Blick aber 120% der mutigen Ultras aus aller Welt, die den Schleim je probiert haben, schwören darauf. So auch wir, Norbert, oder? Aber das ist eine andere Geschichte. In Biel und um Biel herum gibt es andere, eigene und bemerkenswerte Gesetze, die erwähnt sein sollen. Die Coolness ist so eins. Wer sich hier warmläuft ist so etwas wie ein weltlicher Warmduscher, klingt ja auch so ähnlich: Du "Biel-Warmläufer". Aber es gibt sie eben nicht, deshalb braucht es auch diesen Begriff nicht. Das wichtige Merkmal in Biel ist, mehr noch als die 100 km für sich allein betrachtet, der Start um 22 Uhr. Das kann man mit Nacht der langen Messer der Rallye Monte Carlo assoziieren, nur dass hier in Biel die Kilometer länger sind. Die Nacht ist Handicap und Segen zugleich. Mit dem Neumond dieser 55. Austragung ist es finster, aber es fehlt auch die Hitze der Sonne an diesem lang ersehnten Schönwetter-Wochenende. Ein Segen ist die Partystimmung, die über die gesamte Nacht nicht im kleinsten Dorf nachlässt. Da ist unser Publikum, denn das hier ist kein Waldlauf, sondern der Querschnitt durch die gesamte Agrarkulturlandschaft der näheren und weiteren Umgebung von Biel. Hier mähen Sie auch gerne ihre Wiesen zu dieser Jahreszeit, was uns olfaktorisch in einen Sommertraum versetzt. Denn wer wenig sieht, schärft andere Sinne und das scheint hier Programm zu sein - obwohl nirgends beworben. Diese stimmungsvoll beleuchteten Verpflegungspunkte, oft mit der Infrastruktur der gemütlichen Hofstätten, sind Auslöser von Glücksgefühlen, mehr als sie es bei Tageslicht sein könnten. Der rhythmische Wechsel, das dann wieder absorbiert werden von der Nacht, scheint mir wichtig für die psychische Bewältigung des Problems "Einhundert".

Kilometer 56, Kirchberg. Hierhin wurde die aus Nervosität losgesendete Ersatzkleidung transportiert. "Never change a running System", ist hier dann einmal mehr meine Strategie. Doch die deponierte Stirnlampe wird deshalb wichtig, weil Norbert schneller in die Nacht entschwindet, erleichtert um die Verantwortung für Zwei leuchten zu müssen. Ho-Chi-Minh-Pfad, in welcher Schreibweise auch immer - ist dann der wenig geliebte unwegsame Abschnitt auf dem Damm neben der Emme. Hier geht es definitiv nicht ohne Lichtquelle. Das zarte Morgenrot lässt nicht mehr lange auf sich warten und auf weiten Asphaltbändern geht es in den jungen Tag hinein. Freude an der Änderung, das Tageslicht begrüße ich mit der Euphorie eines 15-Jährigen nach ersten durchfeierten Nächten. Und ebenso erschöpft.

Landschaftliche Reize gewinnen Überhand, Schmerzen, eine schlechte Umschreibung für das körperliche Empfinden. Eher diese innerte Unzufriedenheit über die Länge eines Abschnittes von 5 km, der Skaleneinheit in Biel. Ich freue mich über einige langgezogene Steigungen, wie die, bei Kilometer 78 - Davos, sei gegrüßt an dieser Stelle - die zu Gehpausen einladen. Unterbrechung der Monotonie, gleichzeitig verbunden mit den Gefällstrecken, deren Kräfte ungehindert die müden Gelenke malträtieren. All das ist Biel. Vielmehr noch bedeuten mir aber die übernächtigten Helfer, die sich der verstummten Elendsprozession annehmen. Ein "...wie gehts euch" von unserer Seite bewirkt beinahe Wunder, jedenfalls freudige Reaktionen auf beiden Seiten. Auch das sollten Ultras mal trainieren, dachte ich mir bei dieser Gelegenheit.

Die aufgehende Sonne auf dem langen Weg nach Westen im Rücken, verspricht einen perfekten Sommertag. Die Aare ist nett zu uns und hat ihre Hochstimmung auf 2cm unterhalb unseres Uferweges limitiert. So laufen wir projiziert beinahe auf dem Wasserspiegel und die erhöhte Hochwassergeschwindigkeit sorgt für abwechslungsreiche Strömungsbilder. Mit der Umgebung von Biel kommt auch Norbert wieder in Sichtweite. Gemeinsam schalten wir einen Gang runter und bereiten strategisch geschickt den Landeanflug vor. Einigen netten Kurzdialogen mit den Frühaufstehern in der Peripherie von Biel folgt dann gleich die Hochstimmung: Durchlaufen wird das Festzelt auf der gesamten Länge ehe es ins Finale zur Zeitnahme geht. Hand in Hand laufen wir nach 10 Std. und ca. 20 Min. ins Ziel. Norbert ist der Tagessieger der Stolpertruppe mit einigen Hundertsteln Sekunden Vorsprung. Aber ich musste mich ja auch schonen, denn das sollte nicht mein letzter Dauerlauf an diesem denkwürdigen Tag gewesen sein.

Rückblende: Da war noch dieser unscheinbare weiße Zettel in den zugesendeten Anmeldeunterlagen. Auf dem formulierte Jakob, Präsident der Bieler Lauftage, die Wette, dass 10 Bielläufer/innen am Samstag ebenfalls noch den Nachtmarathon in Luxemburg finishen werden. Nachfrage bei Interesse. Die sendete ich 20 Minuten später bereits ab und erhielt schon vor 8 am nächsten Morgen eine persönliche Antwort, der Beginn eines interessanten Mail-Austausches zwischen den Veranstaltern Biel/Luxemburg und mir. Unglaublich, ich als No-Name im Fokus wie sonst nur Ostafrikaner.

So kam es dann, dass die letzten Kilometer an diesem sonnigen Morgen in Biel nicht die letzten Laufkilometer an diesem Tag sein sollten. Nach einer 20 minütigen Massage steige ich in den Bus nach Luxemburg. 12 Meldungen zum Doppelevent, 13 Sitzplätze, wir fahren zu viert: Rudi unser Fahrer, Timo aus dem Ruhrpott, Marco aus der schönen Schweiz und ich. Die 142 km-Euphorie bei Vielen also verflogen, unser Team aber bärenstark, vor allem was die Stimmung an Bord angeht, die durch die ausführliche Diskussion um alle Facetten der zwischenmenschlichen Abgründe im Deutsch-Schweizer-Innen- bzw. europäischen Außenverhältnis bestimmt wird. Köstlich - danke Marco, lass uns das beim Irontrail nochmal aufgreifen. Das Thema ist dann bald erschöpfend behandelt, müde Läuferbeine strecken sich in regenerative Positionen, denn das ist nötig, der nächste Start ist planmäßig um 19 Uhr, ein verteufelter Plan wie mir inzwischen scheint. Die guten Geister in Biel lassen uns glücklicherweise nicht ohne Minibar und Sandwich-Bündel ziehen, was sich, liebe Simone, sehr zum Vorteil herausstellt. Nur so schaffen wir die Fahrt noch rechtzeitig nach Luxemburg zur Startvorbereitung. Kim übernimmt uns dort, wir sind sofort wieder im VIP-Status mit persönlicher Betreuung. Drei identische Startnummern "142 km" liegen bereit, für Chips und Interviewtermine ist gesorgt. All das wurde knapp, weil auch der Bus noch in einem zu niedrig geplanten Parkhaus feststeckt. Dann der Start, Marco und ich in Abschnitt D bei denen, die nach dem Peng noch 10 Minuten bis zur Startlinie brauchen werden. Aber das sollte wieder eine glückliche Fügung sein: Moni aus Trier läuft Ihren ersten Marathon und wir haben uns aus der Situation raus auf einmal so viel zu erzählen, als wenn es um eine Wiedersehen nach 10 Jahren gehen würde. So ist die Lauf-Familie, alle mit ähnlichen Sorgen und Erfolgserlebnissen.

Luxemburg ist ein Sommernachtstraum. Idealer Städtetourismus, alle Highlights werden erlaufen. Dazu der wunderschöne abendrote Himmel, der Kreis zu den frühen Morgenstunden 30 km vor Biel, schließt sich magisch. Begeisterte Passanten bilden enge Gassen, "Tour de France"-Gänsehaut Feeling, und immer wieder ausgestreckte Kinderhände bei leuchtenden Augen. Was gibt es schöneres in solcher Situation? Denn Zuspruch wird nötig, die Beton-Sohlen der Turnschuhe sind kaum noch beweglich. Aber dann ist es soweit: Leichtfüßig mit Endspurttempo und finalen Warnhinweisen aus der linken Brust: Der Zieleinlauf mit Kerzenlicht markierter Einflugschneise und finaler Kurve auf dem tintenblauen Teppich hinein in die Großdiskothek: Endorphine pur und gleich ein Mikrofon in der Hand, mit der Frage der Fragen: "Warum siehst du so frisch aus, Christof?" Das muss der Läuferhimmel sein. Und er ist es: Wummernde Beats, Marco vor mir, Timo kurz nach mir, vereint in die VIP-Zone. Ein, zwei, drei Gläschen Roten, köstliche Speisen, fluffige Schoko-Molekularküche, genossen auf kultigen Sitzmöbeln im Gespräch mit Erich (Boss dort) und seiner guten Fee Kim, so schön. Dieser einzigartige Blick hinter die Kulissen einer Event-Veranstaltung dieser Größenordnung wird dann standesgemäß mit einem Privat-Shuttelservice ins bereitstehende Hotel beendet. Alle kleinen Helden der Biel-Luxemburg Kompetiton sind dann noch in großzügigen Doppelzimmern zur Einzelnutzung gebucht, toll das auch noch in der 7. Etage. Nur Timo ist ungeduldig, und schläft satte 45 Minuten dort. Dann geht seine Bus-Connection vom Bahnhof in Richtung Heimat. Wir lassen uns ein gutes Frühstück und eine kurzweilige Rückfahrt mit dem zuverlässigen Fahrer Rudi nicht entgehen. Bitte Erich, mache Deine Ankündigung, uns im nächsten Jahr - in welcher Weise auch immer - wieder zu quälen, wahr.

Euer Christof (geschrieben in der Hängematte nach dem heutigen Marathon du Vignoble d'Alsace, aber das ist wieder eine andere Geschichte...)

Die Fakten

  • Duo 100 km von Biel und ING Night Marathon
  • Start am 07.06.2013, 22:00 Uhr und 08.06.2013 um 19:00 Uhr
  • 100 + 42,195 Kilometer
  • 3 Finisher der beiden Strecken
  • Weitere Informationen auf der Seite der Veranstalter: [Biel] [Luxemburg]

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