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Freiburg, die Zehnte

[Christof] Das sind dann 20 Runden, die inzwischen von genau 26 Läufern (von denen inzwischen einer eine Läuferin ist) und mir selbst in den letzten Jahren in Freiburg lückenlos abgespult wurden. Zu diesem Anlass hat uns ein Journalist sogar in die Marathonzeitung befördert, was ich hier mit dem Originalzitat meines Beitrages belegen möchte:

"Freiburg ist meine Stadt, ich fühle mich hier wohl und erreiche jeden Winkel zu Fuß. Jedes Jahr wieder habe ich mich auf diesen "autofreien Sonntag" gefreut. Viele Zuschauer beweisen Humor, die Bands geben ordentlich Gas und Freiburg identifiziert sich an vielen Stellen mit dem Marathongeschehen. So ist mir der Schriftzug eines Wirtshauses in Haslach in guter Erinnerung: "Wenn aufgeben, dann hier ..."

Der Freiburg-Marathon 2012 war der schnellste meiner 80 Läufe über diese Distanz. Frisch in der Altersklasse M50 angekommen, wollte ich es mir noch einmal beweisen: Mit 2:57h habe ich zum ersten- und vermutlich zum letzten Mal in meinem Leben die mir so unendlich massiv erscheinende 3h-Mauer durchbrochen. Die Stunden-Anzeige im Ziel war damit immerhin identisch mit der beim Marathon Weltrekord: Gewiss ein kurioser Blickwinkel aber auch ein unvergesslicher Moment."

"Was erwarten Sie von der Jubiläumsaustragung des Freiburg Marathon?"

"In erster Linie eine Streckenlänge von 42195 m, nicht mehr und nicht weniger. Ich erwarte aber auch schönes Wetter, damit die goldene Startnummer im Sonnenschein besonders vorteilhaft auffällt ..."

Soweit die Presse. Und aufgepasst? Ja, das ist zum Teil Anglerlatein, wie euch fleißigen Statistikern von der Stolpertruppe sicher nicht entgangen ist. Die 80 Läufe sind sehr grobschlächtig aufgerundet, wobei ich gleich die Ultras großzügig mit eingerechnet habe. Also an dieser Stelle eine aufrichtige Entschuldigung. Der Rest entspricht aber den Tatsachen.

Zurück zum Geschehen 2013: Ein ungemütlicher und für Freiburg ungewöhnlich kalter Aprilsonntag. Wind, 8 Grad. Das ist nicht mein Wetter, wo ich doch sozusagen die Toskana-Fraktion der Stolpertruppe Winsen bilde. Vor 2 Jahren war der Marathontag eine legendäre Hitzeschlacht hier im Breisgau, wovon wir am Sonntag also 20 Grad entfernt waren. Die Bekleidungsfrage war vorher geklärt. Ich musste einfach etwas Reklame laufen für die nette Andrea, Chefin des Zermatt-Marathons und das am besten mit dem roten Ultra-Finisher Shirt von 2011. Andrea habe ich auf der Marathonmesse am Vortag persönlich kennengelernt, weil ich das T-Shirt da schon mal zum Angeben an hatte. Sie kannte sogar meinen Vornamen, weil ich wegen einer E-Mail zur Manöverkritik meines 10. Zermatt-Starts nachträglich mit einen Freistart für 2013 bedacht wurde. Toll das, merci vielmal Andrea (2. Satzteil Schwyzerdütsch, die Redaktion). Überhaupt erfüllt die Marathonmesse viel eher meine Erwartungen als in den ersten Jahren. So ging ich auch vor dem Start noch die Elsässer besuchen. Dort habe ich die gesamte Stolpertruppe für 2014 angekündigt, um dann meinen Zaubertrank einzufordern. Die haben tatsächlich gleich eine Flasche des köstlichen Rieslings geöffnet und ich glaube fest daran, dass ich im letzten Jahr genau deshalb erstmals unter 3 Stunden gelaufen bin. So hat jeder seine Rituale und Geheimwaffen. Ihr könnt euch jedenfalls auf den Marathon du Vignoble d'Alsace freuen, die haben mir ihr Programm erläutert. Ich werde das im Juni hier mit Norbert schonmal testen.

Startschuss Freiburg: Die schöne alte Exkursionsjacke meiner Frau fliegt in den Graben, die Fossilien aus den Taschen (Donnerkeile, Schwäbische Alb) nehmen wir, Norbert und ich, kurzentschlossen als Glücksbringer mit auf die Strecke. Heute ist alles drin, ich spüre den Drang zum 3:00h Ballon. Dann schon nach der ersten Kurve: Schienenbein links, was ist das? Klar, meine leichten Asphalt-Wettkampfschuhe hatte ich schon eine Ewigkeit nicht mehr an, worüber ich auf den nächsten 5 Kilometern nachdenke. Das ist dann aber auch glücklicherweise wieder erledigt und alles läuft im grünen Bereich. Schnell merke ich, dass man heute taktisch Windschatten laufen sollte. Das fällt in der ersten Runde mit zigtausend Halbmarathonis auch nicht schwer. Sogar das Tempo der zwei symbadischen (?) 3:00h Läufer ist in der ersten Runde machbar. Aber wir kennen das ja, diese schnell stärker werdende Gravitation in der 2. Runde. Bis Stunde 2:00 ist das noch im Rahmen, dann verfallen Geist und Körper zunehmend. Gerade jetzt wird der Kopf gebraucht. Die Kulisse der Zuschauer wird undeutlicher, dieser Tunnelblick auf die wenigen Meter vor einem. Und dann wir es kurios. Mein 3:00h Pacemaker wird gefühlt langsamer, ich bin zunächst dankbar. "Langsam" verstehe ich aber, dass sich der 3:00h Trupp mit dem 2. Pacemaker unaufhaltsam entfernt.

Oh je, in der 2. Runde auf dem Pflaster der Innenstadt und ohne Windschatten muss ich da unbedingt wieder ran. Es sind noch 20 Minuten ins Ziel, eine Ewigkeit. Einmal in M50 etabliert - so geht es mir durch den Kopf - wird sich diese Chance nicht mehr so oft bieten. Also laufen wir jetzt auch alles das mit dem Kopf, was in den Beinen fehlt, gebe ich mir als neue Devise aus und starte das Notprogramm. Noch ein Tütchen Aldi-Magnesium und dann mit dem Restvermögen auf in den Kampf gegen die initialen Krämpfe in den Waden. Gut, die Leser/innen sind jetzt ebenfalls genug gepeinigt, deshalb kurz: Es hat geklappt. Ich konnte aufschließen und habe dann tatsächlich mit meiner 3:00h Bezugsgruppe nach dem letzten Anstieg zur Kaiserstuhlbrücke den Zielhang erreicht. Welch ein Genuss, noch einmal die 2 vorne zu sehen. Zum 10. Lauf sind auch Heike und Linus am Ziel und fotografieren. Ein Familientreffen unter widrigen Umständen, denn die dunklen Security-Leute sind unüberwindbar in Freiburg mit den Absperrgittern verschmolzen. Die Familienzusammenführung muss bis nach der Dusche warten. Es dauert dann sogar eine Stunde, in der ich alleine 20 Minuten lang versuche, meine diversen Beinkleider anzulegen. Das mit der Muskulatur und den Krämpfen muss ich mir doch mal erklären lassen.

Wir 10-fach Läufer mit den goldenen Startnummern bekommen auch so eine Art All-Inklusiv-Armbändchen - in Gold natürlich - und dürfen uns in den VIP-Bereich auf die Empore in Messehalle 4 begeben. Dort stehen wir stolz wie der Papst auf seinem Balkon und winken in die Menge, die das allerdings nicht sonderlich interessiert. So machen wir es uns gemütlich und sitzen zeitweise mit 50 Jahren Freiburg Erfahrung am Tisch zusammen. Der Veranstalter lädt ein und es gibt Getränke, wie bspw. die kleinen braunen Fläschchen mit dem Schwarzwaldmädle in beliebiger Kombination mit süßen Backwaren oder Pasta. Freiburg 2013, so schön war's.

Euer Christof

Die Fakten

  • 10. Freiburg Marathon
  • Start am 07.04.2013
  • 42,195 Kilometer
  • 2 Runden
  • 1189 Finisher (985 M und 204 F)
  • Zeit der ersten Frau: 03:07:52
  • Zeit des ersten Mannes: 02:31:31
  • Weitere Informationen auf der Seite des [Veranstalters]

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