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Mit Wolfgang um den See

[liw] Außerhalb von Hörsälen und Wetterstationen kann niemand etwas mit den Unterschied zwischen meteorologischen und kalendarischen Frühlingsanfang anfangen. Der 100MC, der Anfang März seinen Frühlingsmarathon am Öjendorfer See ausschreibt, hat sich bei der Namensgebung offensichtlich am meteorologischen Frühlingsanfang orientiert - vielleicht klang ja auch "Marathon am Ende des Winters um den Öjendorfer See" einfach zu sperrig. Als ich vor zwei Jahren am Frühlingsmarathon teilnahm, war das Wetter tatsächlich so, wie es der Name versprach und wurde im Verlauf des Marathons immer besser. An diesem Sonnabend war es genau das Gegenteil: winterlich trübe, kalt und weit von Frühling entfernt. Zwar zeigten die Büsche und Bäume am Seeufer ganz, ganz zarte Ansätze von frühlingshaftem Grün, die rund 100 Starter froren angesichts kalter 2 Grad aber trotzdem. Einige berichten sogar, dass im Laufe des Vormittags laut Wetterbericht noch mit Schneefall zu rechnen sei. Da zogen wir doch gleich die Mütze noch etwas tiefer ins Gesicht!

Der Öjendorfer Park ist ein beliebtes Ausflugsziel in dem ein See zum Bade lockt - zumindest im Sommer. Die Infrastruktur ist ausgezeichnet: Ausreichend Parkplätze erleichtern die Anfahrt und in zwei Kiosken werden ausflugskompatible Leckereien angeboten; heute im Angebot: Glühwein für 1,80 Euro. Der Verpflegungsstand des 100MC ist aber so gut bestückt, dass die Kioske hauptsächlich wegen ihrer Toiletten interessant sind. Der Verpflegungsstand ist bereits seit einer Stunde für die Frühstarter geöffnet. Wer länger als 5:30 Stunden für seinen Marathon plant, darf schon um 8 Uhr starten. Der Rest, wozu auch die 11 und 22 Kilometer Läufer gehören, startet um 9 Uhr.

Der Öjendorfer See ist etwa 1,3 km lang und 500 Meter breit. Der Lauf führt auf den Spazierwegen des Parks elf Mal um den See herum. Kleine Schlenker dieser Wege machen eine Runde exakt 3 776 Meter lang. Eine kleine Eröffnungsschleife ergänzt die Strecke zu einem ausgewachsenen Marathon. Das alles wird in der Wettkampfbesprechung erzählt, der (wie so oft) die Wenigsten zuhören; was in diesem Fall aber auch daran liegt, dass fast alle hier nicht zum ersten Mal am Start stehen. Vor dem Start wird für zwei Geburtstagskinder noch ein Ständchen gesungen, Enno zählt stellvertretend für alle Läufer mit lauter Stimme von 10 herunter und dann geht es endlich los.

Im Moment sind die für die Plastikbecher aufgestellten Abfallkörbe noch leer, der Wind hat leichtes Spiel mit ihnen und weht sie ständig fort. Auch wir Läufer müssen schon früh gegen den starken Wind ankämpfen. Je nach belaufendem Ufer wechseln sich Seitenwind, Rückenwind, Wind von der anderen Seite und Gegenwind ab. Dabei hat es der Wind so eingerichtet, dass er uns auf den leichten Anstiegen ab dem zweiten Kilometer einer Runde entgegenweht. Die realen Höhenmeter wachsen um ein paar fiktive Höhenmeter dieses "norddeutschen Bergs" an.

Obwohl der heutige Lauf bereits der 55. Marathon um den Öjendorfer See ist, gibt es die Veranstaltung erst seit 2005. Auch der Öjendorfer See ist noch recht jung, er entstand 1954, als man in einer Kiesgrube aus den zwanziger Jahren den Schleemer Bach aufstaute. Die Kiesgrube war damals mit Kriegstrümmern aufgefüllt, sodass der See heute im Durchschnitt nur zwei Meter tief ist. Die Größeren unter uns könnten also fast quer durch den See abkürzen.

Das tut natürlich keiner! Stattdessen teilen wir uns den Weg mit anderen Menschen, die entweder ihr Haustier oder zwei Stöcker ausführen. Nur wenige joggen. Bei meinen fünf Öjendorf Marathons war mir immer die große Zahl an Nordic-Walkern (oder das, was sie dafür hielten) aufgefallen; heute sind weniger walkend unterwegs. Sie beanspruchen ihr Hausrecht, indem sie nur wenige Millimeter bereit sind, beim Entgegenkommen von ihrer Ideallinie abzuweichen. Die Marathon-Läufer nehmen es gelassen und machen Platz; sich bei 42 km um ein paar Meter mehr zu streiten, wäre auch kleinlich. Es zeigt aber, wie ernst die Walker ihren Sport nehmen. Im Vorbeilaufen schnappe ich auf, wie sich zwei von ihnen über einen Ermüdungsbruch unterhalten. Das finde ich dann aber doch etwas dick aufgetragen!

Wirklich leer wird es so auf der Strecke nicht, selbst nachdem die 11er und 22er im Ziel eingelaufen sind. Ihr Platz wird durch die Hundebesitzer und ihre Haustiere ausgefüllt. Fast überall läuft einem jetzt ein Hund vor die Füße. Zu Unfällen kommt es zwar nicht, das ist wohl aber eher Zufall: Obwohl die Besitzer häufig und häufig sehr laut ihre Hunde zurechtweisen, kümmern die sich wenig darum und tollen, als ob sie nicht gemeint seien, weiter über die Wiesen und Wege - und dabei zwischen den Marathonis hindurch.

Vielleicht fallen mir die vielen Hunde heute auch nur besser auf, weil sie sich vom Untergrund deutlicher als sonst abheben. Mittlerweile hat es nämlich heftig zu schneien angefangen und die Wiesen sind nicht mehr grün, sondern mit weißen Schnee bedeckt. Bei Gegenwind wehen mir die dicken Schneeflocken in den Mund (was ich eher angenehm finde) und in die Augen (was eher unangenehm ist).

Mit gesengtem Kopf versuche ich beides zu umgehen, fange aber trotzdem, eher aus Langeweile, ab und zu eine Schneeflocke mit der Zunge auf. Denn nach einigen Runden hat man alles schon mehrfach gesehen: die Brücke über den Schleemer Bach, die abgesperrte Vogelschutzzone am nördlichen Seeende und (um nicht ganz konform zur Rechtschreibung weitere Wörter mit vielen Ehs unterzubringen) meerere Krehen, die sich aus den Müllcontehnern leckeres Essen stehlen. Schwäne, Enten, Gänse und ein Reiher scheuen den Kontakt zu uns und halten respektvollen Abstand, indem sie den See erst gar nicht verlassen oder weit entfernt auf der Wiese nach Fressbaren suchen.

Ein Marathon entscheidet sich bekanntlich erst ab Kilometer 30. Dieser Punkt ist nach acht Runden erreicht. In der "gefühlten" zweiten Hälfte, also den letzten drei der elf Runden, ist das Ende zum Glück abzusehen. Dafür schneit es nun besonders heftig. Der Sieger des Laufs, Karsten Burmester, ist nach 3:09 Std. schon einige Minuten im Ziel. Wir ziehen stillschweigend mit gesenktem Kopf weiter unsere Runden. Dabei wurden wir am Start gebeten, beim Vorbeilaufen die anderen Läufer zu grüßen. Auf den ersten Runden klappte das noch gut, jetzt reicht es aber - außerdem ist es auch irgendwie komisch, von denselben Personen x-mal innerhalb weniger Stunden gegrüßt zu werden. Einigen der Läufer scheint das nahe Ende noch einmal richtig Kraft zu geben, andere schleppen sich mühsam eher gehend als laufend über die Sandwege. Bei mir ist es eine Mischung von beiden, ich versuche das Tempo weiter zu halten, dehne aber die Gehpause nach dem Verpflegungsstand um ein paar Meter aus; wer einmal versucht hat, Salz-Cracker, Schmalzbrot oder halbe Eier während des Laufen zu essen, wird verstehen warum.

Auf den letzten Kilometern verabschiede ich mich gedanklich für einen Monat von den markanten Punkten der Strecke. Anfang April findet der Lothar Gehrke Gedächtnis-Marathon auf derselben Strecke statt, an dem ich eventuell wieder teilnehmen werde. Den heutigen Frühjahrsmarathon beende ich nach 4:27 Std. Damit im Ziel der Barcode meiner Startnummer gescannt werden kann, muss erst einmal eine dickerer Schicht pappiger Schnee von ihr entfernt werden. Ich verziehe mich nach einem warmen Tee auch gleich in das Auto. Vielen Dank an die Helfer, die durchgefroren im Wind die ganze Zeit ausgehalten haben und noch mindestens eine Stunde aushalten müssen, denn die letzten der Frühstarter biegen gerade auf ihre letzte Runde ab. Mit voll aufgedrehter Heizung fahre ich nach Hause. Marathon Nummer 109, der eher ein Schnee- und Eis-Marathon war, ist beendet! Im Laufe des Nachmittags bringt das Tief Wolfgang noch mehr Schnee, während ich mit hochgelegten Füßen bequem auf dem Sofa die verbrauchten Kalorien mit Kuchen wieder auffülle. Ich weiß schließlich, warum ich mir so oft diese langen Läufe antue. Lecker!

Die Fakten

  • 55. Marathon um den Öjendorfer See
  • Start am 09.03.2013, 11:07 Uhr
  • 11 Runden á 3,776 Kilometer plus eine kleine Auftaktrunde
  • 42,195 Kilometer
  • 63 Finisher (54 M und 9 F)
  • Zeit der ersten Frau: 03:45:20
  • Zeit des ersten Mannes: 03:09:34
  • Weitere Informationen auf der Seite des [Veranstalters]

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