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Landungsbrücken Marathon

[liw] Im Juli 1967 habe ich zum ersten Mal versucht, über Wasser zu laufen. Nach weiteren erfolglosen Versuchen legte ich 1971 lieber mein Freischwimmen ab und als stolzer Träger des Abzeichens mit der einen Welle an der Badehose verfolgte ich dieses Ziel vorerst nicht weiter.

Als ich dann 2004 zum ersten Mal im alten Elbtunnel unter der Elbe einen Marathon gelaufen bin, bin ich daher auf den konsequenten nächsten Schritt erst gar nicht gekommen: einen Marathon AUF der Elbe zu laufen! Diese Möglichkeit ergab sich überraschend 10 Jahre später, als Christian den 1. St. Pauli Landungsbrücken Marathon für den 30. August ausschrieb. Klar, hier war ich sofort dabei und als Dritter angemeldet; damit hatte der Lauf schon mal seine Mindestteilnehmerzahl erreicht!

Im Verlauf der Zeit sollten es 21 werden, die die Gabe, über Wasser zu gehen, mangels jungfräulicher Empfängnis ebenfalls nicht in die Wiege gelegt bekamen. Wir trafen uns trockenen Fußes auf der Landungsbrücke 10 - müßig zu erwähnen, dass viele der üblichen Verdächtigen gemeldet waren.

Es war Mittwoch, warm, sonnig und 16.14 Uhr, als Christian den Lauf startete. Das Ziel war vorgegeben: Zweiundsiebzig Mal die Strecke zwischen den Brücken 1 und 10 laufen - 36 Runden, jede 1179 Meter lang, 42,444 Kilometer insgesamt; Umwege und spätere Startzeiten waren Sache jedes Einzelnen und nicht weiter wertungsrelevant. Verlaufen war ohnehin unmöglich. Den richtigen Wendepunkt vor der Liegestelle der Rickmer Rickmers zu finden, war nur eine geringe Herausforderung, weil dort rot-weiß lackierte Pfosten den Weg versperren. Ansonsten galt: Wenn die Hose nass wird, hast du die Wendemarke übersehen oder die Strecke zu weit nach links oder rechts verlassen. Höhenmeter waren nicht zu erwarten, nur auf den Übergängen zwischen den Brücken stellten sich einige Zentimeter davon den Läufern in den Weg. Es wäre wohl unlauter, den Tiedenhub zwischen dem Niedrigwasser um 14.33 Uhr und dem Hochwasser um 19.52 Uhr zu den zu bewältigenden Höhenmetern zu zählen - die 4 Meter hätten aus diesem Marathon auch dann noch keinen Berglauf gemacht.

Die Landungsbrücken dienten in den vergangenen 175 Jahren selten als Laufstrecke, sondern vorwiegend als Schiffsanleger. Welchen Stellenwert sie hatten, kann man noch heute am repräsentativen Empfangsgebäude erkennen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts legten an den schwimmenden Pontons die großen Passagierdampfer der Überseelinien an. Verglichen mit dem Schiffsverkehr von früher, ist das heutige Angebot unspektakulär und auf die "groooße Haafenrundfahrt" von einer Stunde Dauer beschränkt. Bestenfalls die Helgoland-Fähre verströmt etwas Luft der großen weiten Welt (die in diesem Fall aber auch schon 40 Kilometer hinter der Küste endet).

Trotzdem sind die Landungsbrücken ein beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Besucher der Stadt. Bei schönem Wetter wie heute brauchen sich die Schiffseigner, Imbissbuden und Souvenirläden über mangelndes Interesse nicht beklagen. Wenn dann noch zwanzig Läufer versuchen, im Slalom zwischen die spazierengehenden oder auf die Fähren wartenden Leute hindurchzukommen, sind Revierkonflikte vorhersehbar. Wer etwas anderes erwartet hatte, war vielleicht etwas blauäugig an die Sache heran gegangen. Apropos blau: Der Lauftag ist auch der dritte Tag des Blue Port. An 7000 Stellen hat der Lichtkünstler Michael Batz blaue Leuchten installieren lassen, die in der Dunkelheit den Hafen in blaues Licht tauchen. Der Marathon trägt als zweiten Namen deshalb auch den Titel dieser Veranstaltung im Namen: 1. Blue Port Marathon.

Der blau beleuchtete Hafen würde am Abend noch viele weitere Besucher anlocken. Eng wurde es schon vorher; vor allem an den Anlegestellen der Fähren. Ganz eng ging es zwischen Brücke 1 und 2 zu, wo die HADAG-Fähren anlegen, mit denen man kostengünstig eine kleine Hafenrundfahrt nach Finkenwerder auf HVV-Ticket machen kann.

Abbremsen, links ausweichen, rechts ausweichen, zwischen den Sitzbänken des Nordsee-Imbiss hindurch gehen, durchquetschen, um dann doch vor der wartenden Menge zum Stehen zu kommen; so verbringen wir Runde um Runde mit denselben Herausforderungen. Ich nehme es sportlich und als Teil des Spaßes. Genau genommen ist es einem Traillauf ähnlich, bei dem man auch ständig nach tragenden und haltenden Untergrund Ausschau halten muss. Nur das hier die Steine und Felsen lebendig sind, Fischbrötchen essen und sich durch das Geschehen auf der Elbe ablenken lassen. Natürlich bleiben unfreiwillige Haut- und Körperkontakten nicht aus. In diesen Fällen entschuldigt man sich, meist bitten aber die Passanten vorher um Entschuldigung und zeigen sich daran interessiert, was um alles in der Welt wir hier eigentlich treiben.

So vergeht die Zeit, keine Runde ist wie die nächste. Ich kehre gerade von meiner fünfzehnten Wende vom Ostende der Strecke zurück, als ich Christine, Affenzahn und René an einem Tisch sitzen sehe. Seit ein paar Runden hatte ich ebenfalls mit einer solchen Pause geliebäugelt, die Rast allerdings nach dem Halbmarathon verschoben. Obwohl, die Gelegenheit ist günstig und da die Getränke am Verpflegungspunkt bei Brücke 10 schon geraume Zeit in der Sonne standen und sich in Heißgetränke verwandelt hatten, täte ein kühles Bier dem Leib und der Motivation sicher gut. Kurz entschlossen bestellte ich ein Bier und gesellte mich dazu. Auf den Jägermeister, den sich die drei als Dessert gönnten, verzichtete ich allerdings. Die nichtsahnende Touristin, die an unserem Tisch saß, wollte sich nicht dazu bewegen lassen, mit uns weiter zu laufen. So machte ich mich mit Christine alleine auf den Weg, René und Affenzahn bleiben noch - der Jägermeister war noch nicht ausgetrunken.

Die Nachmittagswelle der Besucher war etwas abgeebbt, für kurzen Zeit brauchten wir uns nicht durch Menschenmengen quälen. Jetzt aber warteten viele auf die Schiffszubringer zum König der Löwen Musical auf der anderen Elbseite. "Ausverkauft", dämpfte ein Schild die Hoffnungen derer, die kurzentschlossen die Vorstellung besuchen wollten. Ich selbst war noch nie ein Freund der Webber-Disney-Holly-Rocky-und-Co Musicals. Aber gerade heute wunderte mich das Interesse der anderen umso mehr: Hier liefen zwanzig Könige der Läufer! Und die Leute zogen eine Großkatze uns vor, die noch nicht einmal echt war? Seltsam und nicht zu verstehen.

Zwischen Brücke 6 und 7 überliefen wir den Sankt Pauli-Elbtunnel, in dem schon viel zu lange kein Marathon mehr stattgefunden hat. Der nächste Lauf dort wird vermutlich frühestens 2017 nach der Sanierung der ersten Röhre wieder stattfinden können.

In den Restaurants nahmen die Besucher der Landungsbrücken zum Abendessen Platz. Die Logenplätze unseres Laufs in der ersten Reihe waren fast lückenlos besetzt. Die Hungrigsten interessierte die Currywurst mit Pommes, die gebackenen Kartoffeln mit Quark oder das Steak aber doch mehr, als unsere harten Führungskämpfe. So liefen wir unbeobachtet die Kalorien ab, die am Streckenrand verspeist wurden. Halbvolle Teller wanderten von der Frau zum Mann, der willensschwach die Reste der Mahlzeit seiner Gattin als Nachtisch vertilgte. Ich kenne diese Verfehlungen auch, sie werden mich heute mindestens eine halbe Stunde Laufzeit kosten.

Die Anreißer für die Hafenrundfahrt priesen schon seit Stunden "die letzte Hafenrundfahrt" an. Ob das Schiff jemals los gefahren ist? Vielleicht war es nur deshalb auf den Pontons so voll. Auch uns versuchten sie anzufeuern oder zu einer Rundfahrt zu animieren. Was sie aber wirklich dachten, konnte ich einem aufgeschnappten Gesprächsfetzen entnehmen: "... das ist doch total bescheuert", sagte der eine. "Klar ist es das", antwortete der andere, "das sind doch die Landungsbrücken hier und kein Sportpalast." "Jetzt die letzte Hafenrundfahrt", rief er wie zur Bestätigung eine Gruppe junger Frauen zu, die unter dem Hinweis auf ihre Männer das Angebot ablehnten. "Ihr habt die falschen Macker", ergänzte er selbstbewusst.

Von solchen Anmachen unbelastet: Wir liefen weiter! Es gab auch immer wieder Neues zu entdecken. In Zugstärke marschierte ein Trupp kräftiger Menschen an den Landungsbrücken auf, die nur an ihrem T-Shirt als Zollbeamte zu erkennen waren. In einer anderen, etwas dunkleren Umgebung, hätte ich vermutlich Angst bekommen. Hier wurden aber nur die rotnasigen Schmuggler der Helgoland-Fähre empfangen, deren umfangreiches Schmuggelgut die Lauffläche mal wieder etwas schmaler machte.

Es wurde dämmerig, die Sonne verzog sich in ihr Bett, das irgendwo in Altona stehen musste. Mit dem Zwielicht kamen auch die letzten Besucher, die wegen des Blue Ports an der wirklich allerletzten Hafenrundfahrt teilnehmen wollten - und uns erneut im Wege standen. Ich will aber nicht jammern, denn wir waren es ja irgendwie, die hier nicht hingehörten; selbst wenn im Laufe des Nachmittags immer mal wieder ein Jogger vorbeikamen, der schwungvoll die Landungsbrücken unter die Füße nahm.

Die ersten Fünf waren zu der Zeit schon lange im Ziel. Ihr Geheimnis muss gewesen sein, dass die gesamte Führungsgruppe aus Christoph, Ingo, Jörg, Falko und Ole dem Anlass entsprechend blau bekleidet war. Warum das bei mir nicht funktioniert hat, kann ich nicht beantworten. Es gibt aber einen anderen Grund: Schnell laufen machte bei diesem Marathon auch keinen Sinn, denn die Schönheit des blau beleuchteten Hafens erschließt sich erst nach Sonnenuntergang - und der war heute um 21.20 Uhr, nach 5:06 Std. Laufzeit. Als kühl kalkulierender Mensch, traf ich auch exakt nach dieser Laufzeit im Ziel ein. Meinen einhundertsten Marathon auf der klassischen Originallänge hatte ich damit beendet.

Trotz untergegangener Sonne wollte es noch nicht so richtig dunkel werden. Da ich mein Auto am Baumwall geparkt hatte, hatte ich keine Wechselkleidung eingepackt und verließ deshalb das Geschehen. Es gelang mir aber doch noch ein paar stimmungsvolle (und wegen der langen Belichtungszeit unscharfe) Bilder des blau beleuchteten Hafens zu schießen. Den Rest hole ich am Freitag nach: Denn nach einem Marathon unter der Elbe, dem heutigen Marathon auf der Elbe, folgt am Freitag der Marathon über der Elbe. Ich arbeite mich langsam hoch - im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Fakten

  • 1. Blue Port Marathon/1. Landungsbrücken Marathon
  • Hamburg
  • 42,444 km
  • Erster Marathon auf der Elbe
  • 18 Finisher (davon 4 Frauen)

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