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Frederick Sanger Ultramarathon

[liw] Nummer zwei der beiden Dinge, die ich in meinem Leben noch vermisse, ist der Nobelpreis. Viel mehr als die Ehrung der königlich-schwedischen Akademie der Wissenschaften entbehre ich die Endspurtfähigkeit bei meinen langen Läufen: Auf den letzten Kilometern werde ich immer langsamer! Beim Marathon beginnt diese Phase meist schon 42 Kilometer vor dem Ziel; auf dem Rest ist selbst mit bestem Willen nicht mehr viel herauszuholen.

Leider habe ich nur geringen Einfluss darauf, dass meine beiden Wünsche erfüllt werden. In den Disziplinen, in denen ein Nobelpreis verliehen wird, fehlt mir die notwendige Beschlagenheit, und um mein Spurtvermögen zu verbessern, bliebe nur das Training nach Greif - aber wer hat dazu schon Lust und vor allem die Zeit?

Anders als ich war der Namensgeber des heutigen Teichwiesen-Marathons eine Koryphäe in der Chemie: Frederick Sanger wurde 1958 und 1980 der Nobelpreis für Chemie verliehen. Darüber, wie es um seine Spurtfähigkeit bestellt war, schweigt sich Wikipedia aus. Gesetzt dem Fall, er wäre heute mitgelaufen, hätte er sich neben den 16 Runden um die Volksdorfer Teichwiesen einer zweiten Herausforderung stellen müssen: "Of the three main activities involved in scientific research, thinking, talking, and doing, I much prefer the last and am probably best at it. I am all right at the thinking, but not much good at the talking", wird er zitiert. Und wer schon jemals an den Teichwiesen angetreten ist, weiß, dass einem neben der körperlichen Kraft auch immer ein gehöriger Anteil Small-Talk abverlangt wird, dem man sich nur schwer entziehen kann und will. Sicher, es gibt auch hier die Streckenabschnitte, auf denen die Teilnehmer zeitweise alleine laufen; meist dauert es aber nicht lange, bis man auf eine schwatzende Kleingruppe aufläuft. Dieser schließt man sich dann eine Weile an, so dass niemand seine fehlende Tempohärte beklagen braucht - sie ist schlichtweg nicht gefragt: Hier läuft man aus Spaß und je länger der Lauf dauert, desto größer ist der Spaß, lautet die einfache Formel. Die heute angetretenen acht Starter hatten in der Vergangenheit sehr viel Spaß, ich schätze ihn auf über 4000 Marathons (zu denen ich nur einen kleinen Teil beitrug). Als Frederick Sanger 1958 seinen Nobelpreis in Empfang nahm, begann Arne Tieslius (ebenfalls Nobelpreisträger der Chemie) die Laudatio mit den Worten: "The proteins are among the most complicated and enigmatic substances in Nature ..." Ersetze Proteine durch Starter und das heutige Läuferfeld ist dadurch schon recht gut beschrieben.

Die Besonderheit am Fredrick Sanger Marathon war, dass er bei Lust und Laune um drei Runden zu einem 50 Kilometerlauf verlängert werden konnte. Die Puste, die wir für die acht Kilometer längere Strecke brauchen, würde allerdings für die Gespräche fehlen. Schon deshalb lief die überwiegende Anzahl der Teilnehmer erst einmal alleine. Als Jüngster des Starterfeldes setzte sich Falko (Jahrgang 1969) erwartungsgemäß gleich von allen ab und strebte einen Start-Ziel-Sieg an. Der leichte Wind machte die 24 Grad Temperatur angenehm; nur Christine fror und zog einen langärmeligen Pulli über.

Nach einer halben Runde führte der Weg zum ersten Mal am Verpflegungsstand vorbei. Er war wie immer gut bestückt, noch griff dort niemand zu. Bei der Vielzahl der Marathons, die bisher an den Teichwiesen gelaufen wurden und sicher noch gelaufen werden, böte sich bereits einen fester Verpflegungsstand in der Verlängerung der Straße "Auf dem Pfahlt" an. Vermutlich ist dies aber nicht mit dem Naturschutz vereinbar. Das wird zwar durch die Hinweisschilder nicht ausdrücklich ausgeschlossen, rund um die Teichwiesen werden die Besucher aber ermahnt, eine Menge Dinge zu beachten und zu unterlassen. So steht dort sinngemäß, dass "Tiere nicht getötet oder sonstwie in ihrer Ruhe gestört werden dürfen". Die Regel ist ohne Zweifel sinnvoll; ich finde sogar, sie hat philosophische Tiefe! Denn wie könnte man stärker gestört werden, als getötet zu werden? Andererseits würde auch niemand bestreiten, dass eine größere Ruhe als der Tod kaum möglich ist. Im Bezirksamt Wandsbek müssen große Denker beschäftigt sein!

Die Strecke ist naturnah und schön, aber nicht spektakulär. Breite, gepflegte Wege, die links und rechts mit üppigen Grün bewachsen sind - ich kannte die Teichwiesen bisher nur unbelaubt. Die fast 2,6 Kilometer lange Runde teilen wir uns mit Spaziergängern und Joggern sowie mit einer Vielzahl kleiner Steinchen, die sich nach und nach in meinen Laufschuhen sammeln. Viele Spaziergänger begegnen uns öfter, auch sie legen Runde um Runde auf dem leicht welligen Terrain zurück. Auf den ersten Runden wird unser Bewegungsfluss nur am Startpunkt etwas gestört: Von einem LKW mit Hebebühne werden die Bäume beschnitten. "BITTE NICHT IN DEN ARBEITSBEREICH DES BAUMPFLEGERS TRETEN!", fordert uns ein Warnschild auf. Geht aber nicht, dazu ist der Weg zu schmal! So vertrauen wir darauf, dass keiner der abgeschnitten Äste unseren Lauf vorzeitig beendet. Außerdem passt ein Gartenarbeiter auf, dass genau das nicht passiert.

Ich laufe kontinuierlich Runde um Runde in dem Tempo, dass ich mit Anneke auf der Freihafenelbbrücke bei meinem letzten Marathon gelaufen bin. Abkürzen geht hier wie dort nicht, weil vor dem Betreten der Filterbecken bei Lebensgefahr gewarnt wird. Eltern haften für ihre Kinder! "Die (also meine Eltern) würden sich wundern", denke ich, bewundere aber die Eindringlichkeit, mit der der Warnhinweis vor dem Einsinken warnt: Der Warnhinweis ist selbst in einem Winkel von 30 Grad nach rechts weggekippt; besser kann man die Gefahr nicht vermitteln. Ich sag es ja: Das Bezirksamt! Chapeau!

Ich überlege schon eine geraume Zeit, ob ich die Verlängerungsoption ziehe. Der Wunsch, einigermaßen früh nach Hause zu kommen - ich muss ja morgen wieder früh raus - konkurriert mit dem Wunsch, den Ultra zu finishen. In meiner elften Runde laufe ich auf Christian auf und bleibe erstmal bei ihm, um seinen neusten Planungen für weitere Events zu lauschen. Nach vier Runden trennen wir uns, ich mit der Gewissheit, dass mein Kalender 2015 nur wenige Wochenenden haben wird, an denen ich nicht der Versuchung erliegt, irgendwo bei einem Marathon zu starten; ein klärendes Gespräch mit meiner Gattin wird rechtzeitig notwendig sein.

Die letzten drei Runden zum Ultra dranzuhängen, fiel mir bei der Perspektive leicht. Nach knapp einer weiteren Stunde beendete ich kurz hinter Cornelia, die heute als erste Frau in das Ziel gekommen ist, den Lauf. Falko war da schon lange im Ziel.

Auf der Rückfahrt denke ich noch ein bisschen über meine Ziele 2015 nach. Nobelpreis oder Endbeschleunigung? "Ach was, pfeif drauf", beschließe ich den Gedankendank schnell, solange ich an so netten und schönen Läufen wie heute teilnehmen kann, stelle ich diese Ziele erstmal zurück, ich habe ja sowieso nur geringen Einfluss darauf.

Die Fakten

  • Frederick Sanger Ultra-/Marathon
  • Hamburg
  • 50 oder 42,195 km
  • 8 Starter (davon 2 Frauen)
  • 19 Runden á 2,583 km (plus Auftaktstück)
  • Weitere Informationen auf der Seite des [Veranstalters]

Weitere Berichte

[Bericht] vom Teichwiesen-Marathon vom 23.03.2013

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