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Horizontweg-Marathon

[liw] Vor über 35 Jahren saßen wir über der Endredaktion der aktuellen Schülerzeitung. Eine leere Seite musste noch mit irgendetwas gefüllt werden. In internetlosen Zeiten waren das meist Fotos oder Cartoons aus dem eigenen Fundus, die mit der Schere auf Maß gebracht wurden. Zum Bild eines unserer Sportlehrer fiel uns nur der Spruch ein: »Und was sagt Dödelecki dazu? Mir ist das wurscht!« - und schwupps, schon war der Beitrag in die Zeitung aufgenommen. Der Abend ging noch ob unseres (wie wir damals meinten) vortrefflichen Witzes sehr lustig zu Ende. Unser Sportlehrer wurde ab sofort von allen nur noch Dödel genannt, sein richtiger Name geriet schnell in Vergessenheit.

Außerhalb des Unterrichts vertrieb Dödel Brütting-Schuhe und war in der Leichtathletik-Szene aktiv. Ein Sportler auf ganzer Linie. Nur an uns prallte seine glühende Leidenschaft für den sportlichen Wettkampfs ab. Zu der Zeit hatte ich bei ihm einen Leichtathletikkurs belegt, in dem wir für die Punktevergabe die unglaublich lange Strecke von 1000 Metern auf Zeit laufen mussten. Ich lief mit meinem Schulfreund Kurt nur sehr unmotiviert, die Uhr blieb deutlich nach 7 Minuten stehen; drei davon gingen beim Quasseln drauf. Für unsere Anstrengungen wurden wir mit einer gerechten, aber schlechten Zensur belohnt: 3 Punkte, eine Fünf plus.

Daran fühlte ich mich erinnert, als ich am letzten Sonntag beim Horizontweg Marathon über die Zielmatte lief. Anders als damals hatte ich mich auf der letzten Runde sogar noch angestrengt, unter fünf Stunden in das Ziel zu laufen. Doch als ich glaubte, im Ziel zu sein, zeigte der Zielmonitor erst 46 Runden an - also noch 914 Meter vom Ende entfernt. Da mein Garmin schon jetzt deutlich über 42,3 Kilometer anzeigte, ging ich nur missmutig auf die letzte Runde. Eine Zeit unter fünf Stunden konnte ich vergessen. Das Ergebnis sah wie vor 35 Jahren aus: 7er Schnitt, Fünf plus.

Der diesem Marathon den Namen gebende Horizontweg verläuft auf dem Gipfel einer der höchsten Erhebungen Hamburgs. 40 Meter reichen dem Müllberg Georgswerder für Platz 19. Und da die 18 höheren Gipfel nicht die Sicht versperren, hat man von der Marathonstrecke in alle Richtung einen tollen Blick auf Hamburg.

Im Norden sieht man die Türme der Hauptkirchen, den Fernsehturm und die Elbphilharmonie, im Westen den Wilhelmsburger Hochbunker, Hafen und die Köhlbrandbrücke. Die Harburger Berge, der Harburger Binnenhafen und die Windmühle Johanna sind im Süden gut zu erkennen und im Osten grüßten die Autobahn, das Aurubis-Werkgelände und Anneke.

Genau genommen grüßte Anneke nicht, sie fotografierte. Dass sie Zeit dazu hatte, lag daran, weil sie als Frau vernünftig ist und wegen Schmerzen auf den Start verzichtet. Sie ließ es sich aber nicht nehmen, bei uns vorbeizuschauen. Das war nett.

Mit sechs Voranmeldern waren die Winsener lange Zeit die größte Voranmeldegruppe. Neben uns dreien aus der Stolpertruppe waren Bodo, Susann und Markus gemeldet. Am Tag des Laufs mussten wir uns den Hamburgern dann aber doch geschlagen geben, immerhin stellten wir mit zwei Teilnehmern, die größte DNS-Gruppe.

Die stillgelegte Mülldeponie nennt sich heute Energieberg und ist seit der internationalen Bauausstellung 2013 in den Monaten April bis Oktober öffentlich zugänglich. Das wir außerhalb dieser Zeit im November hier laufen durften, ist den guten Beziehungen von Christian zur Umweltbehörde, aber auch dem guten Wetter zu verdanken. Wegen des möglichen Eisschlags vom Windrad bleibt das Gelände in den Wintermonaten geschlossen. Eis und Frost sind heute nicht zu erwarten, im Gegenteil: Der Wetterbericht hat warmes und sonniges Wetter angekündigt. Im Moment ist es aber noch frisch und bewölkt, sodass nicht nur Abu und ich sich fragen, was wir denn beim Lauf anziehen. Ich entscheide mich für die lange Oberbekleidung, nicht, weil die Temperatur zu niedrig wäre, sondern weil eine kurze Streckenbegehung gezeigt hat, dass es windige Ecken auf der Strecke gibt. Wobei: Von Ecken kann man eigentlich nicht sprechen, denn der Rundweg schlängelt sich in leichten Kurven um den Berg. Er steht teilweise auf Stelzen und ist absolut eben. Die 40 Meter Treppe beim Aufstieg auf den Berg werden heute die einzigen Höhenmeter gewesen sein, die wir überwinden mussten.

Mit dem hier deponierten Müll hätte man vier Mal die Außenalster füllen können. Die 14 Mio. Kubikmeter haben sich auf 7 verdichtet, aber auch die reichen für einen stattlichen Hügel. Der Berg hat eine bewegte Geschichte - am Anfang war er noch eine Kuhle, in der eine nah gelegene Ziegelei Klei abbaute. Nach dem Krieg wurde sie mit dem Trümmerschutt Hamburgs verfüllt. Später folgte Haus- und Sperrmüll, bis 1979 die Deponie geschlossen wurde. Als problematisch erwies sich die kurze Karriere als Sondermülldeponie in der Zeit von 1967 bis 1974. In guter Absicht hatte man hier 200.000 Tonnen Sondermüll in 14 Becken gesammelt, um der damals praktizierten wilden Deponierung vorzubeugen. Auch erhebliche Mengen des Schwiegermuttergifts E 605 sollen hier deponiert worden sein. Regen wusch die Schadstoffe aus, 1983 stellte man im Sickerwasser Dioxin fest und die fast dreißig Jahre dauernde Sicherung der Deponie begann.

Auf den ersten Blick ist davon heute nichts mehr zu erkennen. Auf den zweiten Blick sieht man aber einige Rohre aus dem Boden kommen und abgesperrte Bereiche, die vermuten lassen, dass es im Berg doch noch gärt und brodelt.

Das soll uns heute nicht stören, der Horizontweg macht einen sehr soliden Eindruck und die Lochblechbohlen sind ein fester, gerader Untergrund, der leicht nachfedert und angenehm zu belaufen ist. Jenseits des dreißigsten Kilometers beklagte sich Abu allerdings, dass er durch seine dünnen Rennschlappen die kleinen Erhebungen spüre.

Am Start war davon noch nichts zu merken. Für ein kleines Auftaktstück gingen wir 200 Meter zurück und starteten ohne großes Tamtam. Für einen FEM Hamburg Special Marathon war die Teilnehmerzahl ungewöhnlich groß; 43 Läuferinnen und Läufer wollten sich diesen besonderen Lauf nicht entgehen lassen. Die Spitze stürmte im Tiefstart los, während sich alle anderen viel Zeit ließen. Es gab aber auch viel zu sehen, verlaufen war unmöglich und wenn jemand doch dazu neigte, die Strecke zu verlassen, wäre er von dem massiven Geländer automatisch auf den richtigen Weg zurückgeführt worden.

Ich hatte mir vorher schon Gedanken gemacht, wie ich die Runden zähle. Da Anneke nicht an den Start ging, konnte ich mich nicht auf ihre bewährte Zählmethode mit der Perlenkette verlassen. Daher war ich froh, als es hieß, es gäbe eine Chipmessung. Wieder ein kleines Problem weniger. Bot der Lauf denn keine richtigen Herausforderungen? Keine Höhenmeter, ebenes Geläuf, kein Verlaufen möglich, Runden werden gezählt und jeden Kilometer ein Verpflegungsstand.

Ganz so einfach war es dann doch nicht. Am frühen Nachmittag kam die versprochene Sonne hervor und wärmte uns. So wie ich im Moment angezogen war, war mir zu warm. Ich wechselte am Ziel die dicke Jacke gegen ein leichtes T-Shirt und erhoffte mir noch ein wenig November-Bräune. Andere erleichterten sich ebenfalls ihrer dicken Weste. Das Erleichtern in anderen Fällen war etwas schwieriger. Zur Innenseite haben die Erbauer des Horizontweges deshalb an einige Stelle eine Lücke im Geländer gelassen, an denen wir die Strecke verlassen konnten. Und die BSU hatte - zumindest für die männlichen Starter - in der Mitte der Nordkurve einen kleinen Wildrosenbusch wachsen lassen. Vorsicht vor den Dornen!

Auf der kurzen Runde begegneten wir uns oft. Den Überblick, ob ein Sportfreund vor oder hinter einem platziert war, verlor man dadurch schnell. Wen es interessierte, der konnte auf den Monitor am Start nachschauen.

Den Start hatte Christian bewusst auf die ungewöhnliche Zeit 13 Uhr angesetzt, weil in den späten Nachmittagsstunden a) die beleuchtete Hansestadt wieder eine neue Sicht bot und b) der Horizontweg in der Dunkelheit selbst beleuchtet wird. Bevor dieses Schauspiel begann, verabschiedete sich die Novembersonne in schönsten Orangerot am Horizont. Vielleicht interessierte sie sich aber auch nur nicht für die weiteren Platzierungen, denn Christian Siemers war zu dieser Zeit schon mit großem Vorsprung im Ziel.

Die unterschiedlichen Stimmungen von Sonne bis Nacht wurden von vielen Läufern in Bild und Ton festgehalten. Die vielen Fotohalte hatten einen wesentlichen Anteil an den verhältnismäßig langsamen Zeiten; keine Minute, die nicht für nachfolgende Läufergenerationen dokumentiert wurde.

Je dunkler es wurde, desto mehr lichtete sich das Läuferfeld. Nach und nach verabschiedeten sich diejenigen, die ihren Lauf beendet hatten. Abu, der als Siebter deutlich vor mir im Ziel war, musste trotzdem auf mich warten, weil wir gemeinsam angereist waren. Er vertrieb sich, wie andere auch, die Zeit mit einem langsamen Spaziergang auf dem Horizontweg.

Um 18.14 Uhr war ich laut Rundenprotokoll dann auch im Ziel. Zehn Genusssüchtige gönnten sich noch weitere Runden und begleiteten diesen schönen Tag in seine letzten Stunden. Der Horizontweg Marathon schreit nach einer Wiederholung - und sei es nur, um Anneke und Markus, die heute nicht starten konnten, eine neue Chance zu geben. Ich bin mir sicher: Alle anderen werden auch wieder am Start sein, denn gefallen dürfte es allen haben.

Die Fakten

  • Horizontweg-Marathon
  • Hamburg
  • 42,3 km
  • 35 Finisher (davon 24 Männer)
  • Siegerzeit Männer: 03:12:32
  • Siegerzeit Frauen: 04:03:20

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