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Klassiker im Kreis

[liw] Rituale bestimmen oft unser Leben. Sonntags zum Beispiel: Unsere Familie legt an diesem Wochentag Wert auf ein ausgiebiges Frühstück, zu dem natürlich auch das sonntägliche Radioprogramm gehört. Da unser Haussender am Sonntag aber ein sehr getragenes Programm sendet, wechseln wir an diesem Vormittag ausnahmsweise mal die Radiostation. Das Problem dabei ist, dass die weiblichen Teile unserer Familie eine grundlegend andere Vorstellung als ich davon haben, was eine gelungene musikalische Begleitung des Frühstücks ist. Konsens besteht darüber, dass der, der zuerst in der Küche ist, das Programm bestimmen darf. Seitdem stehen wir sonntags immer früher auf!

Aber das nur am Rande. Ich erwähne den Konflikt auch nur, weil mein bevorzugtes Programm ein Klassiker des Radios ist. Und obwohl es sonst so gar nicht zu meinem Musikgeschmack passt, lasse ich mich bei Brötchen, Ei, Zörbiger Überrübe und Obstsalat gerne von dem Hafenkonzert des NDR begleiten. Das Hafenkonzert gibt es schon ewig, mehr als 3 000 mal ist es gesendet worden und ich bin sozusagen damit aufgewachsen.

Was das Hafenkonzert (oft gesendet und oft gehört) für das Radio, ist beim Laufen der Teichwiesen Marathon (oft ausgeschrieben und oft gelaufen). Mit fast 1 000 Austragungen gehört er nicht zu den ältesten Laufveranstaltungen - das soll ein 10 Kilometerlauf in Verona sein, den es seit 1208 gibt - wohl aber, so glaube ich wenigstens, zu den am meisten veranstalteten Läufen; selbst die 115 Boston Marathons wirken dagegen popelig wenig.

Anders als beim Hafenkonzert hatte ich noch nie an einem Teichwiesen-Lauf teilgenommen. Schlimmer noch: ich bin bisher nicht einmal an den Teichwiesen gewesen, vom Laufen ganz zu schweigen. Das wollte ich ändern. Eigentlich hatten Anneke und ich vor, dort irgendwann mal gemeinsam unsere Teichwiesen-Premiere zu laufen. Da ich aber an diesem Wochenende ursprünglich in Springe an den Start gehen wollte, dann aber weder Lust auf die Strecke am Wisentgehege noch auf die mehrstündige Fahrt dorthin hatte, entschied ich mich für die nahe Alternative in Volksdorf - ohne Anneke, aber auch ohne schlechtes Gewissen deswegen (sorry, Anneke).

Als ich dort kurz vor 9 Uhr eintraf, war ich erst der zweite Teilnehmer vor Ort - das wunderte mich etwas. Viel mehr erstaunt war ich über die dichte und glatte Schneedecke. Vereinzelt lag zwar auch in Winsen Schnee, aber so geschlossen wie hier doch nicht. Es war kalt (fünf Grad unter null), aber sonnig.

Selten haben die Marathons an den Teichwiesen zweistellige Teilnehmerzahlen, heute sollte die Grenze lt. Voranmelderliste aber erreicht werden: 8 Läufer und 2 Läuferinnen hatten sich für je fünf Euro angemeldet. Die Wartezeit auf die acht anderen Mitläufer überbrückte ich mit dem Lesen eines am Teich installierten Edelstahlbuchs, das den Interessierten über die Entstehung und die örtliche Flora informieren möchte. In dem Tal, in dem die Teichwiesen liegen, endeten in der Weichsel-Eiszeit zwei Gletscher. Das abfließende Tauwasser unter den Gletschern bildete das heutige Tunneltal. Die zurückgebliebenen Gewässern vermoorten, die heute existierenden beiden Teiche blieben übrig. Am Ostrand des Naturschutzgebiets wird davor gewarnt, die Moorfläche wegen Einsinkgefahr zu betreten. Das hatte ich auch nicht vor, ich wollte auf dem Weg bleiben.

Doch wo ist der richtige Weg? Keine Ahnung! Ich beschließe, mich mindestens auf der ersten Runde erst einmal an den anderen zu orientieren. Inzwischen sind nämlich alle eingetroffen und Christian hat den Selbstbedienungsverpflegungsstand an der Verlängerung der Straße Auf dem Pfahlt aufgebaut, es könnte also losgehen. Wegen der Differenz zwischen der Länge eines Marathons und einer vollen Rundenzahl gehen wir aber erst auf die gegenüberliegende Seite des Teichs. Dort ist der Start für das Auftaktstück und die folgenden 16 Runden.

Die Teichwiesen Marathon tragen immer andere Namen. Mal wird ein Promi im Titel geehrt, mal ein Läufer. Heute ist ein Geburtstagskind dran: Hans-Harder Biermann-Ratjen. Der FDP-Politiker und ehemalige Kultursenator Hamburgs wurde am 23.03.1901 geboren und wurde heute posthum zum Namensgeber des 991. Teichwiesen-Marathons.

Wir starten. Linksrum. Zunächst laufen wir parallel zur Straße Waldweg und folgen dann dem Weg über einen kleinen Holzsteg, der den Bach Saselbeck überbrückt. Der festgetretene und festgefrorene Schnee ist rutschig. Einige der Läufer haben sich mit Spikes unter den Schuhen auf den rutschigen Untergrund vorbereitet. Der kleinere Rest rutscht bei jedem Schritt etwas. Später liegen nach einer heftigen Windböe auf der Brücke einige dickere Äste; zum Glück sind sie nicht so groß, dass ein Helm zu den Spikes notwendig wäre.

Kirsten und Joachim führen das Feld an, ich laufe direkt hinter den Beiden, denn ich weiß ja nicht, wo es lang geht. Entlang des Südufers stehen viele Einfamilienhäuser sowie die Schule an den Teichwiesen. Die Grundstücke haben zwar keinen direkten Zugang zu Ufer, sie liegen aber am Talhang etwas höher und aus den großzügigen Gärten hat man bestimmt einen schönen Blick über das Naturschutzgebiet. Nach einigen kleinen Rechts-links-Kurven erreichen wir die Ostseite des Parks. Auf der anderen Straßenseite befindet sich die U-Bahnstation Volksdorf. Auf der Ostseite befinden sich die einzigen nennenswerten Abschnitte auf denen es etwas hoch geht. Dies als Steigung zu bezeichnen, wäre aber auch etwas übertrieben. Dennoch: Beim Kampf zwischen der Sonne und dem kaltem Boden scheint im Moment der Boden zu gewinnen. Was die Sonne antaut, friert sofort und wird dadurch glatt. Auf einer Bergab-Passage heißt es darum aufzupassen.

Ich zähle nicht die Runden: Wozu hat man GPS? Andere verlassen sich auf analoge Messtechniken. Hänsel und Gretel gleich, wird eine halbe Salzstange an der Verpflegungsstelle nach jeder Runde mit dem Risiko deponiert, das der Hunger anderer Laufkollegen zu etlichen Mehrkilometern führen kann.

So nach etwa zehn Kilometern lässt sich Joachim zurückfallen. Im gemütliche Tempo laufe ich mit Kirsten allein weiter. Durch die Unterhaltung ist der Lauf recht kurzweilig: Wir unterhalten uns bis auf das Postwesen Luxemburgs während der Regentschaft des Hauses Nassau-Weilburg und der Nackenbandverkalkung bei Dressur- und Springpferden über so gut wie jedes andere Thema. So nach 30 Kilometern schauen wir zum ersten Mal auf die Uhr und fragen uns, wie viele Runden wir denn noch laufen müssen. Das lässt sich leicht rausbekommen, indem wir die nächste Runde messen: Es sind exakt 2,583 Kilometer. Also nur noch vier Runden - das reicht, um wenigstens noch über die Nackenbandverkalkung zu sprechen!

Nicht mein Nackenband, sondern meine Oberschenkel spüre ich jetzt. Das liegt mit an den kalten Windböen, die uns ab und zu entgegenwehen, vor allem aber daran, dass man auf dem glatten Untergrund ständig ausbalancieren muss. Ich rechne mit Muskelkater am Sonntag.

Das sonnige Wetter nutzen viele Volksdorfer, um ihre Nase in den Wind zu stecken. Da auf dem Weg maximal zwei Personen (und vielleicht ein Hund) nebeneinander gehen können, sind wir manchmal gezwungen, in den Tiefschnee auszuweichen. Die Spaziergänger sind dick angezogen. Das es immer noch kalt ist, merken wir auch an der eingefrorenen Cola am Verpflegungsstand. Zum Laufen ist die Temperatur aber überraschend angenehm.

Nach der letzten Runde tut der warme Tee am Verpflegungsstand gut. Wir nehmen die Glückwünsche der Vorbeilaufenden dankend entgegen und freuen uns über den Sieg. Mein erster Gesamtsieg! Ich muss ja niemanden sagen, dass ich für den Marathon 4:33 Std. benötigt habe. Kirsten wartet noch auf Hubertus, ich verabschiede mich und nehme mir auf dem Rückweg zum Auto vor, an den Teichwiesen auch mal im Sommer zu laufen. Dann vielleicht wirklich in Begleitung von Anneke?

Die Fakten

  • Teichwiesen Marathon
  • Start am 23.03.2013
  • 42,195 Kilometer
  • 16 Runden plus Auftakt
  • 10 Finisher (8 M und 2 F)
  • Zeit der ersten Frau: 04:33:20
  • Zeit des ersten Mannes: 04:33:20
  • Weitere Informationen auf der Seite des [Veranstalters]

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