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Läufer am Bischofshol

Eilenriede Marathon

[liw] Die Eilenriede ist der Stadtwald von Hannover. Wäre Hannover ein Mensch, läge sie ungefähr in der Höhe der rechte Pobacke; also ungefähr an der Stelle, die mir gerade ein Mitläufer beim Umkleiden entgegenstreckt.

Die Teilnahme verdanke ich Christian Hottas, der mich im Januar zum Eilenriede Marathon eingeladen hat. Dieser Marathon wird von der Agentur Eichels-Event veranstaltet, die auch den Hannover Marathon im Mai organisiert. Dort will Christian im Mai seinen 2000. Marathon laufen - und da er als Einziger auch alle Marathons in Hannover gefinished hat, haben sie ihm zu Ehren den Eilenriede Marathon ins Leben gerufen.

Mit den Link in Christians E-Mail hatte ich eine Startplatzgarantie. Wer keine persönliche Einladung hatte, konnte sich per E-Mail anmelden, brauchte aber Glück ausgelost zu werden. "Wir konnten uns vor Nachfragen kaum retten", teilte der Veranstalter auf der Web-Seite mit. Das mag auch daran gelegen haben, dass der Start kostenlos war. Insgesamt 101 Läufer von Kiel bis Stuttgart und von Osnabrück bis Berlin waren gemeldet, um Christian bei seinem 1969. Marathon zu begleiten.

Bei der Anmeldung musste man die Zahl der gelaufenen Marathons angeben - inklusive des Eilenriede Marathons. Die Zahl der Marathons wurde als Startnummer übernommen. Für mich war dies der Marathon 107. Insgesamt ergab die Summe der Startnummern genau 12000 mehr oder mit anderen Worten: Ohne mich wären es 100 Läufer mit genau 12000 Marathons gewesen, eine viel schönere Zahlenkombination. Ich war aber schon immer gerne ein Spielverderber und dachte gar nicht daran, dafür auf den Start zu verzichten. Schon weil der Veranstalter bei dem Starterfeld von dem "nationalen Treffen der Spitze der deutschen Vielläuferszene" sprach. Und wer wollte nicht gerne dazu gehören? Ein bisschen Bauchpinseln am Sonnabendvormittag tut doch ganz gut. Aber lassen wir die Kirche im Dorf: Damit waren neben Christian eher die 100MC-Mitglieder Klaus Neumann (788 Marathons), Rosemarie von Kocemba (700), Jörg Koenig (560) und Heinrich Schütte (513) gemeint - um nur die Teilnehmer mit über 500 Marathons zu nennen.

Es gab aber auch Teilnehmer, die ganz am Anfang ihrer Marathonkarriere standen. Fünf wollten zum ersten Mal die Strecke von 42,195 Kilometer laufen. Sie bekamen die sonst so begehrte Startnummer 1, zur Unterscheidung um ein A, B, C, D und E ergänzt. Die schöne Startnummer 1 A hatte Melanie, die den Lauf leider nicht beendet hat (wie übrigens 8 weitere Läufer).

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich vorher Sorge, mit der Startnummer 107 belächelt zu werden. Ich überlegte mir schon Antworten auf Fragen wie: "Hast du gerade erst angefangen zu laufen?" Die Sorge war unbegründet, in der Rangfolge der Startnummern lag ich auf Platz 28, einen Platz, den ich mir nach der Laufzeit zwar wünschen würde, mir im Moment nicht zutraue.

In der Eilenriede ist eine Halbmarathonstrecke dank einer Krankenkasse dauerhaft ausgeschildert. Wir werden diese Runde zweimal laufen und da beide Runden wohl doch nicht ganz einen Marathon ergeben, müssen wir eine dritte, kleinere Runde von ein paar hundert Metern dranhängen. So wird es uns bei der Wettkampfbesprechung vor dem Start am Döhrener Turm erzählt.

Der Döhrener Turm gehört wie der Lister Turm oder der aus dem Verkehrsfunk zur Messezeit viel bekanntere Pferdeturm zu den noch erhaltenen Warttürmen, die Hannover gegen Ende des Lüneburger Erbfolgekriegs zum Schutz der Stadt und Handelswege vor gut 625 Jahren hat bauen lassen. In diesem 18 jährigen Krieg fiel Winsen an der Luhe an Albrecht von Sachsen-Wittenberge. Das ist lange, lange her und die Zeit für eine Revanche längst verstrichen. Heute werden die Türme die Wegmarken unseres Laufes sein. An einigen anderen Stellen, die wir heute auch passieren, standen früher ebenfalls Türme; heute erinnern aber nur noch die Namen an sie: z.B. der Kirchröder Turm und Bischofhol(er Turm). Sie sind heute, wie der Steuerndieb, eher durch die Ausflugslokale an bekannt.

Die ersten Meter nach dem Start laufen wir am östlichen Rand der Eilenriede. Nach knapp einundzwanzig Kilometern werden auf den westlichen Wegen zurück kommen. Kurze Stücke zwischendurch werden parallel genutzt. Anfangs laufen noch alle weitgehend zusammen, trennen sich aber schon nach den ersten Kilometer in zwei große Gruppen, die nach und nach weiter auseinanderfallen. Viele laufen bald allein, einige zu zweit oder maximal zu dritt. Irgendwo heult etwas wie ein Wolf. "Bleibt auf dem Weg und hütet euch vor dem Vollmond", fällt mir das Filmzitat ein. Rechts durch die Büsche sehe ich die Bushaltestelle der Wolfstraße. Das ist doch hoffentlich nur ein Zufall!?

Die Eilenriede ist doppelt so groß wie der New Yorker Central Park. Sie wird von mehreren Straßen durchschnitten. Den Messeschnellweg überqueren wir auf Brücken, an den kleineren Straßen müssen wir auf den Straßenverkehr Rücksicht nehmen. Die Straßen sind durch Ordner gesichert, die uns so gut wie möglich den Weg freihalten.

In der Nähe der Waldwirtschaft Bischofshol laufen wir unter dem Messeschnellweg und der Berneroder Straße entlang, bleiben in Sicht- und Höhrweite zum Messeschnellweg und nähern uns dem ersten Verpflegungspunkt in der Nähe des Pferdeturms. Direkt vor dem Portal der evangelischen Petrikirche gibt es ausreichend Wasser, Cola und Bananen. Da dieser VP genau in dem Schnittpunkt zweier Teilrunden liegt, werden wir hier noch öfter die angebotenen Leckereien genießen können.

Wir bleiben weiter am östlichen Rand der Eilenriede. Links Bäume ohne Ende, auf der rechten Seite mehr oder weniger städtische Bebauung des Ortsteils Groß-Buchholz, die langsam in Kleingärten übergeht. Nach etwa 2 Kilometer biegen wir in den Wald nach links in Richtung Steuerndieb ab. Auch dort war früher ein Wartturm, heute steht hier ein Restaurant. Der Name Steuerndieb hat nichts mit dem Finanzamt zu tun, sondern ist abgeleitet aus "Steure dem Dieb" (oder hochdeutsch: Störe den (Holz)dieb). Die Landwehr, zu denen die Warttürme gehörten, hatten nicht nur einen militärischen Zweck, sondern sollten auch das Eindringen von "streunendem Gesindel" verhindern.

Kurz vor dem Steuerndieb müssen wir auf einer sehr steilen Brücke den Messeschnellweg überqueren. Danach wird es flach. Der ausgeschilderte Weg führt uns über eine sehr matschige Strecke. Der Boden ist nass und die Läufer, die diese Strecke unter die Füße nehmen, tragen auch nicht zur Verbesserung des Weges bei. Auf der zweiten Runde werden nahezu alle Läufer auf dem parallelen Fahrweg ein paar Meter mehr, dafür weniger rutschig laufen.

In der Eilenriede trifft man in dieser Jahreszeit immer wieder auf größere Gruppen von Menschen, die eng zusammen bleiben, den Weg versperren und sich langsam bewegen. "Walker!", war mein erster Gedanke. Beim Näherkommen erkenne ich jedoch, dass es sich um Boßel-Spieler handelt. Ein Sport, mit dem ich persönlich wenig anfangen kann; Bier trinken kann ich doch auch gemütlich zu Hause! Aber bitte: Wer es mag! Warum nicht?

Auf direktem Weg laufen wir zum VP 2 in der Nähe des Lister Turms. Kurz vor dem Verpflegungsstand müssen wir die Bernadottestraße überqueren. Das ist eine der wenigen Stellen, an der der heutige Marathon die Strecke des TUI-Hannover-Marathons tangiert: der "große" Marathon führt zwischen Kilometer 18 und 19 ebenfalls über die Bernadottestraße. Nur an zwei weiteren Stellen, am Döhrener Turm (etwa bei km 12 des TUI- Hannover-Marathons) und in der Fritz-Behrens-Allee (km 17 kurz hinter dem Tunnel am Hauptbahnhof) ist das ebenfalls der Fall.

Nach einer kleinen Schleife in der Oststadt laufen wir parallel zur Fritz-Behrens-Allee zum Zoo. Vom Zoo bekommen wir aber außer dem Parkhaus und den rückwärtigen Wänden des Dschungel-Palastes nicht viel zu sehen. Dafür laufen wir an dieser Stelle auf einem weiteren Rest der spätmittelalterlichen Landwehre. Ein Hauptzweck dieser Wehre war es auch, die Land- und Weidenutzung zu kontrollieren. Der Weg, war dazu etwas höher als heute und mit dornigen Büschen bepflanzt. Die Gräben rechts und links vom Weg sind noch heute vorhanden. Wie hier ist die Befestigung noch an vielen Stellen in der Eilenriede gut zu erkennen, an anderen Stellen ist sie eingeebnet worden.

Hinter dem Zoo liegen die Spielplätze des Eilenriedestadion und des Hockey Clubs Hannover. Das Spiel der U 17 Mannschaft von Hannover 96 gegen Werder Bremen ist durch den Zaun gut zu beobachten. Hannover wird 0:1 verlieren.

Damit wir wieder zum VP am Pferdeturm kommen, müssen wir auf einer Brücke erneut den Messeschnellweg überqueren. Beim Blick in Richtung Süden sieht man über die Bahngleise das ehemalige Gebäude der AOK - ein Lost Place, der seit 2008 leer steht und an dem sich Graffiti-Künstler offensichtlich häufig versucht haben.

Nach einer Zwischenmahlzeit am VP geht es nicht auf direktem Wege zurück zum Startpunkt, sondern erst einmal nach Westen in Richtung Kirchröder Turm. Auf der linken Seite in Laufrichtung lieg das Philosophenviertel, eine bessere Wohngegend in Hannover mit vielen schönen Gründerzeit- und Jugendstilvillen. Große Grundstücke, der Porsche vor der Tür, schönes Haus und das Laufrevier direkt vor der Tür: Hier ließe es sich leben.

Bis zum Kirchröder Turm geht es fast nur gerade aus. Dort haben wir den östlichsten Teil der Strecke erreicht. Von dort geht es auf anderen Wegen in entgegengesetzter Richtung zurück. Obwohl die Strecke erstklassig ausgeschildert ist, verlaufen sich einige Mitläufer auf diesem Streckenabschnitt - teils zu ihren Gunsten, meistens aber zum Preis einiger Extrameter.

Auf dem folgenden Streckenabschnitt kann man gut erkennen, woher die Eilenriede ihren Namen hat. Eilenriede bedeutet so viel wie "mit Erlen bewachsener sumpfiger Boden". Im Waldboden rechts und links vom Weg hat sich viel Wasser in großen, jetzt zugefrorenen Pfützen gesammelt. Die Wege sind bis auf einige matschige Abschnitte aber zum Glück trocken. Trotzdem: so nach und nach sehen die Schuhe so aus, als ob sie nach dem Lauf einer Extrabehandlung im Schuhputzen bedürfen.

Die Waldwirtschaft Bischofshol kündigt das baldige Ende der Runde an. Auf der ersten Runde sind mir hier die ersten Läufer mit einem Vorsprung von mindestens sechs Kilometern schon entgegen gekommen. Auf der zweiten Runde lief ich hier fast alleine, war aber froh, den Marathon fast geschafft zu haben.

Dankend nehme ich die Gratulationen derjenigen entgegen, die den Marathon schon gefinished haben und mir auf meinen letzten Metern auf dem Weg zur Umkleide beim SV Eintracht entgegen kommen. Für mich geht es auf die kleine dritte Runde. Der Wendepunkt ist durch Lübecker Hütchen gekennzeichnet. Von weitem erkenne ich auf der Zieluhr, dass aus meinem Ziel, unter 4:30 zu finishen, nichts mehr wird. Bei 4:31:19 bleibt die Uhr stehen.

Die 600 Meter zur Dusche gehe nur langsam. Jetzt merke ich, dass ich vollkommen durchgeschwitzt bin - bei 4° Außentemperatur. Vermutlich war ich viel zu warm angezogen. Nach einer warmen Dusche verzichte ich auf die Minestrone oder Kartoffelsuppe im Vereinsheim und fahre direkt zurück.

Marathon Nummer 107 ist vorbei. Professionell organisiert hat mein erster Marathon im Jahr 2013 Spaß gemacht. Die Füße tun etwas weh, trotzdem aber vielen Dank an Eichels-Event für die kostenlose Organisation, den Helfern für die gute Unterstützung und Christian für die Einladung.

Die Fakten

  • 1. Eilenriede Marathon
  • Start am 16.02.2013, 11:00 Uhr
  • 2 Runden á ca. 21 Kilometer plus eine kleine Zusatzrunde
  • 42,195 Kilometer
  • 82 Finisher (66 M und 16 F)
  • Zeit der ersten Frau: 03:41:28
  • Zeit des ersten Mannes: 02:48:35
  • Weitere Informationen auf der Seite des [Veranstalters]

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