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Frische Brise aus Nordost

[liw] Zum achten Mal stehe ich nun in Kiel an Start und genauso oft habe ich behauptet, nächstes Jahr nicht in Kiel zu laufen. Kurze Zeit später war ich dann trotzdem angemeldet und Ende Februar in Kiel dabei - so auch dieses Jahr.

Aber fast hätte ich mich 2013 tatsächlich nicht angemeldet, denn ich wollte an dem auf den Kiel Marathon folgenden Sonntag an der Wiederauflage des LüHa-Fun-Run teilnehmen. Da die Ausschreibung aber nicht erschien und Yacine mich zwischenzeitlich gefragt hat, ob ich mit nach Kiel komme, sagte ich kurzerhand zu und meldete mich an.

Jetzt drängeln wir uns mit allen anderen Läufern im Ostseekai. Der 10 km-Lauf wird gleich gestartet. Trotzdem muss der Sprecher die Läufer verbal rausprügeln, keiner will unnötig lange im kalten, starken Wind rumstehen. Frische Brise nennt der Seemann verharmlosend die Windstärke fünf bis sechs. Die gefühlte Temperatur wird bei der Außentemperatur von minus 2 Grad und diesem Wind aber leicht zu minus zehn Grad. Das ist selbst für den sonnenentwöhntesten Norddeutschen nicht mehr kuschelig.

Der Marathon startet 20 Minuten nach dem 10er. In der Wartezeit trinken wir zur Vorsorge noch einen warmen Kaffee. Yacine sichert uns zwei Stücke Kirsch-Apfel-Kuschen, denn so gut bestückt wird das Kuchenbuffet nicht mehr sein, wenn die 10er und 21er vor uns dessen Köstlichkeiten geplündert haben.

Auf den letzten Drücker gehen wir zum Start. Es reicht gerade noch für ein paar Foto der Startaufstellung, bis die Läufer den Start-Count-down schon bis 4 herunter gezählt haben. Während die anderen noch 3, 2 und 1 zählen, schaffen ich es gerade, aus der Spitzengruppe zu verschwinden. Und schon laufen wir los. Viel zu schnell - jedenfalls ich. Yacine zieht mit der Spitzengruppe davon.

Trotz meines zu hohen Tempos, flitzen noch viele an mir vorbei. Auf der Kiellinie fordert uns der Wind heraus: Von der Förde ungebremst, freut er sich, mit voller Wucht auf uns zu treffen. Blöd, weil ich ihm auch noch extra viel Angriffsfläche biete. Der Rauch des Kraftwerks auf der anderen Seite der Förde steigt nicht auf, sondern verlässt horizontal den Schornstein.

Die Kunsthalle und den alten botanischen Garten lassen wir links liegen. Der Blick darauf wird sowieso durch das Geomar verdeckt. Die Seehunde des Aquariums am Geomar bleiben auch lieber unter Wasser statt im Wind draußen herum zu liegen. An den Ministerien und dem Landeshaus vorbei erreichen wir auch bald das Hindenburgufer und den zweiten Kilometer.

In dieser besten Wohnlage mit Blick auf die Förde liegt nicht nur das Institut für Weltwirtschaft, sondern auch die Häuser einiger Studentenverbindungen. Einige der Burschen tragen große Koffer, Mensur- und Schutzwaffen oder ein Glas Bier über die Laufstrecke und ziehen sich prompt harsche Kritik der 10er-Läufer zu, die bereits auf dem Rückweg sind. Irgendwie arrangiert man sich, die Waffen kommen nicht zum Einsatz.

Andere, viel größere Waffen liegen an der Tirpitz-Mole. Die Tender Mosel, Rhein und Werra sind schon von weitem zu sehen. Schon lange vor der Wende am Flandernbunker, der etwa in derselben Höhe wie die Schiffe liegt, kommen uns die Führenden entgegen. Yacine liegt gemeinsam mit Markus Sumfleth aus Hittfeld auf Platz 20.

Am Beginn der kleineren Schleife südlich des Ostseekais werden Getränke angeboten. Ich greife zu einem Wasser. Beim Trinken stören kleine Eisstücke. Water on the rocks? Wohl kaum, vermutlich stand der Becher schon eine Weils unbeachtet herum. Ist heute doch eher der Tag für heißen Tee. Am südlichsten Ende ist ein Mobilklo umgefallen oder ausgelaufen. Der Weg und der Schnee sind an dieser Stelle tief dunkelblau. Offensichtlich war die mobile Toilette noch nicht stark benutzt; dem Dixi-Gott sei Dank.

Auf Runde 2 kommt zum Wind noch Schnee dazu. Der Schnee weht uns mit voller Geschwindigkeit ins Gesicht, auch der Wind scheint stärker zu werden. Trotzdem erkenne ich rechtzeitig, dass mir Yacine entgegenkommt. Ich will ein Foto machen, doch Yacine ist schneller als mein Fotoapparat. Auf der Strecke ist es voller geworden. Wir teilen das Ufer mit den Halbmarathonis, die an den grünen Startnummern zu erkennen sind.

Sonst ist mir spätestens ab der dritten Runde langweilig geworden. Dies Jahr ist das gar nicht so. Dennoch: der Wind scheint wieder ein Stück heftiger geworden zu sein. Soweit ich mich erinnern kann, ist es das erste Mal, dass mir der Wind durch das Mesh-Material in die Schuhe bläst und die Zehen kühlt. Nicht schön, aber Kleinkram! Ich sehne den Bunker her, weil sich dort der Gegenwind in Seiten- oder sogar Rückenwind ändert. Den Weg dorthin teile ich mir in zwei Stück auf: die Strecke entlang der Liegeplätze-Schilder auf der Kiellinie und ab dem Segelpavillon der Olympischen Spiele 1936 bis zum Bunker.

So geht es hin und wieder zurück. Am Ende meiner dritten Runde kam mir Yacine bereits entgegen und muss nur noch etwa zwei Kilometer laufen. Er hat also genug Zeit, sich auszuruhen bis ich in das Ziel komme. Ein Schild am Seehundbecken beim Geomar warnt: "Vorsicht! Seehunde können beißen." Richtig, und Marathonläufer müssen beißen. Bei einigen sieht man das ganz deutlich. Ich fühle mich noch ganz wohl und so ist auch bald die letzte Runde geschafft.

Yacine hat sich bis zum Ziel auf den fünfzehnten Gesamtplatz vorgekämpft. Sensationell! Auch ich bin mit meinen 4:08 Std. zufrieden, schließlich ist es meine beste Marathonzeit seit dem Hamburg-Marathon 2011. Die fehlenden acht Minuten, um endlich mal wieder eine Sub-4-Zeit zu laufen, werde ich irgendwann auch noch schaffen! Nach dem Umkleiden verputze ich den vor dem Lauf gekauften Kuchen und wir trinken mit Christian Fehling noch einen Kaffee. Dann geht es zurück nach Winsen.

Diesmal sage ich nicht, dass ich nächstes Jahr nicht starten werde, denn ich muss wiederkommen: Bei der Unterhaltung am Verpflegungsstand hatte ich gesagt, dass ich nicht mehr wieder komme. Auf die Rückfrage "Heute oder für immer?" antwortete ich leichtfertig: "Für heute!" Und was man verspricht, muss man auch halten! Also: Bis zum nächsten Mal in Kiel.

Die Fakten

  • 19. famila Kiel Marathon
  • Start am 23.02.2013, 10:20 Uhr
  • 4 Runden á 10,5 Kilometer
  • 42,195 Kilometer
  • 240 Finisher (206 M und 34 F)
  • Zeit der ersten Frau: 02:50:50
  • Zeit des ersten Mannes: 02:39:38
  • Weitere Informationen auf der Seite des [Veranstalters]

Berichte der Vorjahre

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